Vitalpilze: traditionelle Nutzung, moderne Fragen – Reishi, Huaier, Chaga, Lion’s Mane und Maitake biologisch eingeordnet

Vitalpilze: traditionelle Nutzung, moderne Fragen – Reishi, Huaier, Chaga, Lion’s Mane und Maitake biologisch eingeordnet

Ein eigenes Reich

Pilze sind weder Pflanzen noch Tiere. Sie bilden biologisch ein eigenes Reich, die Fungi, mit Zellwänden aus Chitin statt Zellulose, ohne Chlorophyll, ohne Photosynthese und mit einem Stoffwechsel, der sich von allen anderen grundlegend unterscheidet. Diese taxonomische Eigenständigkeit erklärt auch, warum Pilze Substanzen produzieren, die weder in der Pflanzenwelt noch im Tierreich in dieser Form vorkommen.

Zu den wichtigsten Inhaltsstoffgruppen zählen Beta-Glucane und weitere Polysaccharide mit spezifischen Verzweigungsstrukturen, Triterpene und Triterpenoide, Sterole, proteingebundene Verbindungen sowie sekundäre Metaboliten, die ausschließlich im Pilzreich zu finden sind. Diese Gruppen unterscheiden sich nicht nur chemisch, sondern auch in ihrer biologischen Wirkweise erheblich, weshalb Pilze je nach Zusammensetzung in sehr unterschiedlichen Forschungskontexten auftauchen.

Warum die Mehrzahl der Heilpilze aus China kommt

Wer sich mit Vitalpilzen beschäftigt, dem fällt schnell auf: Ein Großteil der traditionell genutzten Medizinalpilze stammt aus dem ostasiatischen Raum, vor allem aus China, Japan und Korea. Das ist kein Zufall, sondern hat historische, ökologische und konzeptuelle Gründe.

Die Traditionelle Chinesische Medizin besitzt eine mehr als 2.000 Jahre alte schriftliche Tradition der systematischen Dokumentation von Heilmitteln. Pilze wurden dabei nicht als Einzelwirkstoffe, sondern als Bestandteile eines komplexen Regulationssystems betrachtet, als Substanzen, die Qi, Blut und innere Organsysteme modulieren. Diese Denkkategorie führte dazu, dass Pilze, die im Westen als Speisepilze oder gar Schädlinge galten, in China über Jahrhunderte kultiviert, kategorisiert und klinisch erprobt wurden.

Ökologisch kommt hinzu: Die borealen und subtropischen Wälder Ostasiens bieten ideale Bedingungen für holzzersetzende Pilze. Reishi wächst auf Laubbäumen, Maitake an Eichen- und Buchenwurzeln, Huaier auf Sophora-Stämmen. Die Artenvielfalt medizinisch genutzter Pilze in dieser Region ist entsprechend hoch.

Chaga ist dabei eine Ausnahme: Dieser Pilz kommt nicht aus der chinesischen, sondern aus der sibirischen Volksmedizin und sein Verbreitungsgebiet sind die Birkenwälder des Nordens, nicht die Wälder Ostasiens.

Reishi (Ganoderma lucidum)

Reishi, Chinesisch Lingzhi, übersetzt in etwa „Pilz der Unsterblichkeit“, gehört zu den am intensivsten erforschten Medizinalpilzen der Welt. Seine Nutzung in der TCM lässt sich über 2.000 Jahre zurückverfolgen. Was die Forschung heute daran interessiert, ist die ungewöhnliche Komplexität seines Wirkstoffprofils.

Die zentralen Inhaltsstoffgruppen sind Polysaccharide, Triterpenoide und Sterole und sie unterscheiden sich in ihrer biologischen Wirkweise erheblich. Die Polysaccharide, vor allem Beta-1,3/1,6-Glucane, werden im Zusammenhang mit Immunmodulation diskutiert: Sie interagieren mit Immunrezeptoren wie Dectin-1 und aktivieren Makrophagen, natürliche Killerzellen und T-Zellen.

Quelle: Ren L, Zhang J, Zhang T. Immunomodulatory activities of polysaccharides from Ganoderma on immune effector cells. Food Chemistry. 2021;340:127933. PubMed

Die Triterpenoide, insbesondere die Ganodersäuren A bis Z und darüber hinaus, sind strukturell den Steroidhormonen verwandt und werden in einem anderen Forschungskontext diskutiert: im Zusammenhang mit Entzündungsregulation, oxidativem Stress und Leberstoffwechsel. Ganodersäure A etwa wurde im Zusammenhang mit hepatoprotektiven Mechanismen und der Modulation des Darmmikrobioms untersucht.

Quelle: Lv XC et al. Ganoderic acid A from Ganoderma lucidum protects against alcoholic liver injury. Food Function. 2022;13:5820–5837. PubMed


Huaier (Trametes robiniophila Murr.)

Huaier ist im deutschsprachigen Raum weitgehend unbekannt,  in der TCM dagegen seit über 1.600 Jahren dokumentiert, erstmals systematisch beschrieben von Li Shizhen in der Ming-Dynastie. Es handelt sich um einen sandbeigefarbenen Pilz, der auf Sophora-Bäumen wächst und dessen polysaccharidreiche Fraktion heute Gegenstand intensiver onkologischer Forschung ist.

Der aktive Hauptbestandteil sind Polysaccharide, die in ihrer Struktur Beta-Glucan-ähnliche Eigenschaften aufweisen. In der Forschung werden Huaier-Polysaccharide vor allem im Zusammenhang mit Immunmodulation und Tumorzellkommunikation untersucht. Mechanistisch geht es dabei um die Aktivierung von T-Lymphozyten, dendritischen Zellen und natürlichen Killerzellen sowie um die Beeinflussung des Tumormikromilieus, unter anderem durch Modulation der Makrophagenpolarisierung über die Darm-Leber-Achse.

Huaier-Granulat ist in China als adjuvante Therapie bei Leberzellkarzinom klinisch zugelassen und in Behandlungsleitlinien aufgenommen. Das ist äußerst ungewöhnlich für ein natürliches Präparat. Im westlichen Raum fehlen entsprechende klinische Zulassungsstudien weitgehend. 

Quelle: Long HR, Wu ZC. Immunoregulatory effects of Huaier (Trametes robiniophila Murr) and relevant clinical applications. Frontiers in Immunology. 2023;14:1147098. PubMed

Chaga (Inonotus obliquus)

Chaga ist der einzige der hier betrachteten Pilze, der nicht aus der TCM stammt, sondern aus der sibirischen Volksmedizin, genauer aus der Medizin der indigenen Khanty-Völker Westsibiriens, die ihn seit Jahrhunderten als Tee nutzten. Sein Verbreitungsgebiet sind die borealen Birkenwälder Russlands, Skandinaviens, Koreas, Kanadas und Alaskas.

Chaga ist biologisch kein klassischer Pilz mit Fruchtkörper. Er wächst als parasitäres Sklerotium, eine harte, irreguläre Wucherung auf lebenden Birkenstämmen und sieht von außen wie verbrannte Holzkohle aus, innen ist er rostbraun. Betulin und Betulinolsäure, Triterpenoide aus der Birkenrinde finden sich in konzentrierter Form in der Chaga-Myzelknolle. Daneben enthält Chaga Polysaccharide, Polyphenole, Lanostantriterpenoide, Inotodiol sowie Melanin in ungewöhnlich hoher Konzentration.

Eine praktische Konsequenz: Die Zusammensetzung des Rohstoffs variiert erheblich je nach Herkunft, Baumalter und Erntezeitpunkt. Chaga aus Kultivierung, also ohne Birkenbaum-Wirt, enthält kein Betulin, weil dieses aus dem Wirt stammt.

Lion’s Mane (Hericium erinaceus)

Lion’s Mane nimmt unter den Vitalpilzen eine biologisch einzigartige Stellung ein. Er ist der einzige hier betrachtete Pilz, bei dem nicht Beta-Glucane im Forschungsmittelpunkt stehen, sondern zwei spezifische Substanzklassen, die in anderen Pilzen nicht vorkommen: Hericenone und Erinacine.

Hericenone (A–H) sind Meroterpenoide und finden sich ausschließlich im Fruchtkörper. Erinacine (A–I) sind Cyathan-Diterpenoide mit einem charakteristischen Ringsystem aus 5-, 6- und 7-Kohlenstoffringen und kommen vor allem im Myzel vor. Beide Substanzklassen werden in der Forschung intensiv im Zusammenhang mit neuronalen Wachstumsfaktoren – insbesondere Nerve Growth Factor (NGF) und Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) untersucht.

Der entscheidende biochemische Vorzug: Hericenone und Erinacine sind niedermolekulare Verbindungen, die die Blut-Hirn-Schranke durch passive Diffusion passieren können, ein Umstand, der für Polysaccharide nicht gilt und Lion’s Mane neurobiologisch von anderen Vitalpilzen unterscheidet.

Quelle: Ma BJ et al. Hericenones and erinacines: stimulators of nerve growth factor (NGF) biosynthesis in Hericium erinaceus. Mycology. 2010;1(2):92–98. DOI

Maitake (Grifola frondosa)

Maitake, japanisch für „tanzender Pilz“, ist in Japan und China ein klassischer Speise- und Heilpilz, der an den Wurzeln von Eichen und Buchen wächst. In der modernen Forschung steht vor allem eine spezifische Polysaccharidfraktion im Mittelpunkt: die sogenannte D-Fraktion.

Die D-Fraktion ist ein Beta-1,3/1,6-Glucan mit einer besonders stark verzweigten Struktur. Diese spezifische Verzweigung ist biologisch relevant, weil die Aktivierungsstärke immunmodulatorischer Beta-Glucane eng mit ihrem Verzweigungsgrad zusammenhängt. Neuere Studien beschreiben einen weiteren Wirkungsweg: Maitake-Polysaccharide modulieren die Zusammensetzung des Darmmikrobioms und beeinflussen darüber die Th1-Immunantwort – also genau jene Immunachse, die für antivirale und antitumorale Abwehrprozesse relevant ist.

Quelle: Sun R et al. Mushroom polysaccharides from Grifola frondosa and Inonotus obliquus ameliorated colitis in mice by global modulation of systemic metabolism and the gut microbiota. Frontiers in Pharmacology. 2023;14:1172963. PubMed

Was das bedeutet – und wie man es lesen sollte

Vitalpilze werden verständlicher, wenn man ihre biologische Eigenlogik akzeptiert: Sie sind keine pflanzlichen Heilmittel in anderem Gewand, sondern chemisch und biologisch eigenständige Substanzverbünde, die an Grenzflächen des Körpers ansetzen: an Darm, Schleimhaut, Immunsystem, Mikrobiom und im Fall von Lion’s Mane an der Blut-Hirn-Schranke.

Die Breite ihres Forschungsspektrums ist keine Marketingstrategie, sondern eine biologische Konsequenz: Wer an Dectin-1-Rezeptoren, NF-κB-Signalwegen oder Darmmikrobiota ansetzt, wirkt zwangsläufig auf mehrere Systeme gleichzeitig. Das zeigt, wie tief Vitalpilze in die Regulationsmechanismen des Körpers eingreifen können, u.a. weil sie an Kreuzungspunkten mehrerer Signalwege ansetzen. 

Hinweis: Dieser Artikel beschreibt biologische Zusammenhänge und den aktuellen Forschungsstand. Er stellt keine medizinische Diagnose dar und ersetzt keine ärztliche oder therapeutische Beratung.

Quellenverzeichnis

1. Ren L, Zhang J, Zhang T. Immunomodulatory activities of polysaccharides from Ganoderma on immune effector cells. Food Chemistry. 2021;340:127933. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33010584/

2. Lv XC et al. Ganoderic acid A from Ganoderma lucidum protects against alcoholic liver injury through ameliorating the lipid metabolism and modulating the intestinal microbial composition. Food Function. 2022;13:5820–5837. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35543349/

3. Long HR, Wu ZC. Immunoregulatory effects of Huaier (Trametes robiniophila Murr) and relevant clinical applications. Frontiers in Immunology. 2023;14:1147098. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37409128/

4. Ma BJ, Shen JW, Yu HY et al. Hericenones and erinacines: stimulators of nerve growth factor (NGF) biosynthesis in Hericium erinaceus. Mycology. 2010;1(2):92–98. https://doi.org/10.1080/21501201003735556

5. Sun R et al. Mushroom polysaccharides from Grifola frondosa and Inonotus obliquus ameliorated colitis in mice by global modulation of systemic metabolism and the gut microbiota. Frontiers in Pharmacology. 2023;14:1172963. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/37361211/

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